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Nach 28 Semestern gebe ich nächste Woche meine Master-Arbeit ab. Ja, richtig gelesen: 28 Semester, und nein, nicht meine Dissertation, sondern ganz schnöde: meine Masterarbeit, die Arbeit, mit der ich meine erste Ausbildung abschließe. Die erste und einzige, und abschließen trifft es auch nur halb, weil danach folgt noch das Ref. Ich werde wohl fast 40 35 sein, bevor ich „ins Berufsleben starte“.

Man könnte annehmen, wer so lange braucht, der darf nicht feiern. Klar, einen Studienabschluss haben schon Tausende, Hunderttausende, Millionen Leute vor mir geschafft, und zwar in Regelstudienzeit. Soll ich also die Füße still halten, und mich nicht freuen? Stattdessen lieber Kommentare a la „Wird ja mal Zeit“ kassieren?

Es gibt Augenblicke, da möchte ich all diesen „Wird ja mal Zeit“-Hatern auf’s Maul hauen. Möchte ihnen ins Gesicht schreien, dass sie doch erstmal dahin kommen sollen, wo ich war. Ich will nicht schreiben: „In der Hölle“, das klingt pathetisch, und würde diesen Blogbeitrag für die Huffington Post qualifizieren. Aber es liegt mir auf der Zunge, das zu sagen. Denn es gibt Gründe für meine Lahmarschigkeit. Steine im Weg und so. Mehr Beerdigungen als fertige Hausarbeiten, zum Beispiel, und zwar bis irgendwann ins 20. Semester hinein. Dann irgendwann die ganzen Nachmittage, die drauf gingen, als ich bis ans andere Ende der Stadt gefahren bin, um dort zum Therapeuten zu gehen. Schiebt sich nicht so leicht weg, wenn Muttern im Suff lieber „Heil Hitler“ ruft statt zu fragen, ob ich in der Schule war. (Wir reden hier nicht von: „Mama kann mir Algebra nicht ordentlich erklären. Mimimi.“ Wir reden von Scheiße, da kriegt „The Real Struggle“ auf Instagram vergleichsweise noch Glamour-Punkte.) Ja, es gab Zeiten, da hat „Studi-Sein“ für mich lediglich bedeutet, einen bezahlbaren Fahrschein zu haben, um in Frankfurt/Oder meine Mutter im Hospiz zu besuchen. Führergegröhle hin oder her, während der anderthalb Stunden Fahrzeit von Berlin gen Osten hab ich keine Uni-Texte gelesen.

 

Haben-Haben-Haben

Jetzt können ein paar der „Wird auch mal Zeit“-Hater ganz bestimmt erwidern, dass sie auch Scheiße durch haben. Und trotzdem jetzt schon Haus-Auto-Paddelboot haben. Schön für die. Ich freu mich ehrlich, wenn Leute die passende Coping-Strategie gefunden haben. Wenn sie erfolgreich sind, und ihnen die Schatten der Vergangenheit nicht ewig nachhängen.

Aber ist das überhaupt so, dass mir die Schatten of Evil auf die Stirn getackert sind? War ich nicht vielleicht einfach faul, und hab’s genossen, meinen Hintern in Hörsäle zu quetschen, zumindest dann und wann? Jupp, genauso: auch ich habe, wie viele Studis, einfach nur „gebummelt“. In den Tag hinein gelebt, gefeiert. Bin nicht aufgestanden und nicht zum Seminar gefahren, weil: keen Bock.

Das mit dem „keenen“ Bock ist aber auch nur halb wahr. Ich mochte – ich mag – es, zu studieren. Zu lernen. Mich mit Texten auseinander zu setzen, und mit Leuten, die die auch gelesen haben. Ich kann auch einfach nicht klettern-rodeln-Rugby, aber irgendein Hobby braucht der Mensch ja. Also: studieren. Klar, das kann man gerne psycho-pathologisieren, dann wird aus der Lust am lebenslangen Lernen, an meiner Affinität zu all things intellectual schnell eine mentale Malaise, die da lautet: Verantwortungsaufschub. Als Kind zu zackig alles gemacht, als Große alles aufgeschoben, bloß keine Verbindlichkeiten eingehen, stattdessen lieber Dasein als Zwischenwesen: im Job sagen: „Aber eigentlich bin ich ja Studi.“ Im Seminar geifern: „Das kann ich alles, ich arbeite ja schließlich schon. Ihr Babys!“ Nirgendwo 100 Prozent geben, überall gefährliches Halbwissen zur Schau tragen, Eklektizismus par excellence.

Also pick ich mir die Rosinen aus beiden Welten, steh zwischen den Stühlen, tanze auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig.

Und treibe, während ich tanze oder trauere, meine Studi-Zeiten hoch. Höher, ins 28. Semester. Mir kann das peinlich sein, vielleicht sollte ich mich dafür schämen. Finden die Hater, die, die schon alles haben. Haus haben. Autooos haben. Boot haben. Und Coping-Strategien und das zweite Kind, und vielleicht auch einen Hund oder ein Meerschwein.

Neulich habe ich eine Freundin besucht. Es gibt nichts zu beschönigen: wir saßen zusammen, weil sie 30 wurde. Saßen, aßen Kuchen und Soljanka, die vegan war, aber trotzdem gut, wir redeten und irgendeine der Gäste sagte: „Was, im 18. Semester bist Du?“ Und meinte die Freundin, die mit dem Geburtstag. Und vielleicht, weil es ihr Geburtstag war, weil sie sich nicht ärgern lassen wollte von den „Wird ja auch mal Zeit“-Hatern, stand sie drüber über diesem dummen Kommentar. Aber ich fand das trotzdem doof, und sagte, so frei von der Leber weg: „Anfängerin. Ich hab fast 30.“

Fast 30 Semester studiert zu haben ist eine ziemlich Leistung für jemanden, der eine verdammt lange Zeit lang 15 war. Aber eigentlich, eigentlich will ich gar nicht nur mich abfeiern, wenn ich nächste Woche die drei grün gebundenen Masterarbeiten im Prüfungsamt abgebe und anschließend Mecklenburger Putenrollbraten in der Mensa essen gehe. (Ja, ich habe den Speiseplan gegoogelt, und ja, nach 28 Semestern ist der nicht ganz unerheblich bei der Frage, wann genau ich nächste Woche an die Uni fahre.)

Eigentlich … geht’s mir gar nicht um diesen Putenbraten, sondern um’s Abfeiern. Ich will aber gar nicht alleine Lob einheimsen. Viel eher will ich den anderen, die noch auf dem Weg sind, Mut machen. Bummelstudentin, das ist man nicht alleine, wir suchen uns alle Leute aus, die auf der gleichen Wellenlänge liegen wie wir selbst. Die auch bummeln, oder noch langsamer sind. Wenn ich jetzt also den Hatern den Stinkefinger zeige, dann nicht (nur), weil ich mich selber so toll finde. Sondern weil ich finde, dass 14 Jahre Uni keine Bummelei sind, sondern Zeichen von Ausdauer. Weil ich‘s toll finde, dass Menschen mehr oder weniger gut bezahlte Lohnarbeit PLUS Studium wuppen. Plus Pflege, plus Krisen, plus Hölle, plus Liebeskummer, plus Party, plus Dunkelstunden, plus Semikolon im Leben, plus Punkt. Plus Fahrt an den See, plus Milchkaffee-Morgende, plus Suff-Nächte. Plus Professionalität außerhalb der Akademie. Plus Leuten, die dir vermitteln wollen, du hättest an der Uni nichts verloren. Weil zu Hause keiner liest. Weil von den Eltern keiner weiß oder wissen will, wie man Bafög beantragt. Weil du dich fürs Kind entscheidest. Weil du Texte magst und lernen, aber trotzdem langsam bist und schreiben nun mal schwer ist. Weil, weil, weil.

Das alles sind Widerstände, Steine im Weg. Nicht alle davon lagen mir quer, etliche davon behindern Menschen, die mir wichtig sind. Und genau die sind es, denen ich Mut machen will, sich nicht aufzugeben: Egal, ob ihr demnächst fertig studiert oder den Scheiß einfach hinschmeißt: wertvoll seid Ihr allemal. Wertvoll, toll, liebenswert und ahnungsreich. Lasst Euch von den Hatern nicht die Butter vom Brot nehmen, nicht den Wind aus den Segeln.

Und wenn Ihr zu den Marathonis zählt, die ungern Mitläufer an sich vorbei sprinten sehen: grämt Euch nicht, noch bin ich nicht im Ziel. Auch nach mehr als 26,218 Semestermeilen sind da noch ein paar Hausarbeiten offen. Aber die paar Hausaufgaben sind eher sowas wie ein Spaziergang. Und nach 100 Seiten Masterarbeit bin ich jetzt zumindest warmgelaufen. Und hätte beim Überschreiten der Zielgerade gern Medaillen, Bier, ein Handtuch und massierte Waden. Oder äquivalente Bejubelungen. Für jedes Semester eine. 

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4 Kommentare zu “Vorübungen für ein Wunder: Die Abschlussfreude vorbereiten

  1. Wie willst du deinem zukünftigen Arbeitgeber 28 Semester erklären ?
    Reife Leistung, wie ich finde. Völlig egal, welche Steine dir im Weg lagen.

    Auf die Gefahr hin, auch ein Hater zu sein, empfehle ich dir, diese Attitüde schleunigst abzulegen und dein nun umfassendes Wissen der Gesellschaft zu Gute kommen zu lassen.

    Gib mal Gas.

      • Lange studieren bedeutet für mich mangelnder Fokus. So einfach sehe ich das. Niemand studiert 28 Semester, wenn er vorbereitet, konzentriert und bei der Sache ist. Lebensumstände hin oder her.

        Welche Fachrichtung war es denn, die dich so eingenommen hat ? Oder waren es mehrere ?

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