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Heutzutage muss ein Buch, das man gelesen hat, auch bewertet werden. Sterne bei Amazon, Sterne bei Goodreads, bei Lovelebooks und sämtlichen anderen Literatur-Rating-Plattformen. 
Als ich „The Little Paris Bookshop“ von Nina George zur Seite lege, bin ich fast geneigt, ihr volle fünf Punkte zu geben. Sie hat mich zum Weinen gebracht, und Hormone hin oder her: das schaffen nicht viele Bücher, mich so in ihren Bann zu ziehen. (Die meisten sind ja eher so dröge selbst-referentiell wie die von Benjamin Lebert oder so. Und wenn ich Benjamin Lebert sage, muss ich eigentlich noch schnell aufsagen, dass der ja schon wieder out ist. Hinterherschieben, dass ich mich in deutscher Literatur eigentlich gar nicht auskenne. Mir dessen aber bewusst bin. Wäre ich an dieser Stelle nicht ein bisschen so selbst-referentiell wie dieser Lebert, man könnte mir meine Unbedarftheit also Manko auslegen.)
Nun aber die George. Das ist ja fast ein Märchen, das sie da erdichtet. Von dem Literatur-Pharmazisten, der so schön belesen ist und damit Menschen heilt. Der aber die eine nicht retten konnte, die er geliebt hat, deren Tod er nicht verhindern konnte, mit der er, Kilometer entfernt, fast selbst starb. Naja, nicht starb, aber tot war er schon. So kann man das sagen, wenn man 21 Jahre lang ein gebrochenes Herz mit sich rum zurrt. 
Jean Perdu, der Held der Geschichte, macht sich, nach eben diesen 21 Jahren des Tot-Seins in einem Schicksalsmoment auf, und beschippert mit seiner  pharmazeutischen Buch-Bibliothek die Wasser Frankreichs. Unterwegs steigen zwei Katzen, zwei Männer und eine Frau dazu, alles ist malerisch, das Essen lecker, der Sturm, den sie überstehen, ausreichend katharsisch, und am Ende gibt es tränenreiche Wendungen, alles ganz hübsch. Man söhnt sich aus, Perdu hat sich selbst gefunden. Alles schön. Ein märchenhaftes Buch darf das, dem schaden auch ein paar Klischees und vorhersehbare Plot-Lines nicht (Spoiler: Manon, die Tote, um die der Perdu so trauert, hatte ein Kind.)
And that’s where the trouble sets in, that’s exactly where I have my Bauchschmerzen mit Nina Georges Roman: die Tote war Mutter. War es gerade erst geworden, 48 Tage vor ihrem Krebstod, den sie erleidet, auch weil sie sich des Babys wegen gegen eine Chemo entscheidet. Sicherer Tod, Aufopferung, Selbstaufgabe zum Höchstpreis. 
Ja, John Lost, der liebe Protagonist, leidet ganz doll. Manon hat Macht über ihn, bestimmt nach ihrem Tod sein Leben, inspiriert ihn schließlich zu ganz viel Erkenntnis. Wow! Ich meine: Wow, toll! Nicht mal mehr anwesend, bestimmt die Dame auch zwei Dekaden nach Beziehungs-Ende noch Perdus Dasein. Aber das ist ein tristes. Und, again and again, wie bei Disney, wie bei Bambi, bei Arielle und bei so vielen anderen Geschichten: Mama muss sterben, muss fort sein, bevor the character develops. Aber selbst leben? Selbst vorankommen? Keine Chance. Manon, die Mutter, hat tot zu sein, nur so kann der male Protagonist sich voll entfalten (selbst wenn der 21 Jahre lang erstmal deppert über einem blöden Puzzle auf seinem Wohnzimmerboden hockt.)
Bei Nina George steht Manon als Mutter aber gar nicht so sehr im Vordergrund. Die Tochter (ja, Spoiler, das Kind ist nicht der junge Mann, mit dem Perdu sich anfreundet, da macht George noch den Umweg über dessen Love Interest and future bride), die Tochter also steht eher sinnbildlich für Perdus Sehnsucht nach Vaterschaft, nach einem Kind zusammen mit Manon. Das bewahrheitet sich zwar nicht, aber die Tochter, 21 als Perdu sie trifft, ist der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Durch die Hochzeit mit Max, den Perdu lieb gewonnen hat wie einen Sohn, rückt Victoria in die Mitte der Erzählung. Sie ist der Twist im Plot, und unentbehrlich für den Ausgang des Romans.

Aber weder Victoria, noch Manon haben selbst besonders viel Agency. Sie sind im Hintergrund, und bleiben dort. Oder schlimmer: sterben und haben, außer ein paar spärlichen Seiten Tagebuch, kaum etwas zu sagen. (Und für das Tagebuch, das Manon schreibt, könnte man vielleicht noch den Bechdel-Test anstellen. Keine Ahnung, ob der positiv ausfiele.)

Zusammengefasst, und die Details ein bissel außen vor lassend, bleibt zu sagen, dass Nina George bei näherer Betrachtung leider doch wieder das Absent-Mother-Theme durchnudelt. Ja, vielleicht entspricht das einer realen Erfahrung. Vielleicht gibt es eine Mutter, die sie vermisst, ich hab das jetzt nicht gegoogelt. Aber trotzdem: ich wünsche mir, ganz doll, mehr Agency für Mütter. Mehr Plots, die weitergehen, nachdem der Damm gerissen, das Baby rausgepresst ist. Als Mama, ebenso wie als Kind ohne ebensolche. Und überhaupt für alle Frauen auf der Welt wünsche ich mir: weg mit den Silent Women, egal ob in Form der Absent Mother oder via weniger Worte In Science Fiction. Liebe Nina George, ich hoffe, in Ihren anderen Büchern ist das besser gelöst.

[A little sidenote: Ich habe „Das Lavendelzimmer“ bzw. „The Little Paris Bookshop“ in Washington gelesen. Nina George liest hier nächste Woche im Politics and Prose-Bookshop. Vielleicht ergibt es sich ja, dass ich Frau George zum Absent-Mother-Theme befragen kann. Und vielleicht gibt sie mir ein Autogramm. Immerhin habe ich ihrem Buch ja nichtsdestotrotz viele Punkte gegeben.]

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Ein Kommentar zu “Wieder keine Mama: Nina Georges „Lavendelzimmer“

  1. Pingback: Männer sollen leiden. Frauen auch. Ein Nachtrag zum „Lavendelzimmer“ | Maja Schwarz

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