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Kürzlich habe ich Nina Georges „Lavendelzimmer“ gelesen und das hier rezensiert. Im Nachgang der Rezension, beim Spazieren, nachts, unter der Dusche, kamen mir zu dem Buch jedoch weitere Gedanken, die ich gern ergänzen möchte.

 

Ja, das „Lavendelzimmer“ ist ein modernes Märchen. Nina George sagt das selbst so irgendwo bei YouTube, das habe ich jetzt doch nochmal gegoogelt, zumindest im Ansatz. Und während ich es eigentlich ziemlich super finde, dass dieses Märchen Trauer an sich kein Verfallsdatum überstülpt, dass es geduldig ist und nicht irgendwann drängelnd behauptet: „Jetzt ist aber mal gut!“, während die Geschichte also sachte die Heilung ihres Helden dahinplätschern lässt, ist das irgendwie auch ziemlich dämlich. Dämlich und gefährlich.

Es ist nämlich gar nicht so weit hergeholt, wenn man schlussfolgert, das Buch würde einem ans Herz legen, wenn man kacke doll depressiv ist, dann soll man einfach lange leiden, dann irgendwann doch mal nach der Post sehen, sofort alles stehen und liegen lassen und einfach reisen, dann wird das alles schon. Mal im Klartext: Jean Perdu, männliche Hauptfigur, leidet 21 Jahre lang an gebrochenem Herzen, trauert. Er zieht sich zurück, kümmert sich um keine Sozialkontakte mehr, ja er geht arbeiten, aber abends und nachts sitzt er da und puzzelt, nur um das große ganze Bild sofort bei Fertigstellung wieder zu demolieren. Ach, und seine Möbel hat er auch zerschlagen, und sich 21 Jahre lang keine neuen zugelegt. Das mag man Minimalismus nennen, oder, und zwar ohne Dinge, Erfahrungen, Menschen allzu zügig pathologisieren zu wollen, man kann es als das erkennen, was es ist: Hilfe-bedürftig. Bei allem Respekt für Trauer, aber den Heilungsprozess, den Perdu erlebt, hätte er auch eher anstoßen können – mit Hilfe einer geeigneten Therapie. Statt aber zu skizzieren, dass der Protagonist professionelle Hilfe in Anspruch nimmt, schreibt George lieber die Mär von Typen, der sich schon selbst hilft, fort. Alles liegt in Perdu selbst: erst muss er alleine leiden, und plötzlich macht er all die Heilungsarbeit alleine. Reist, beginnt zu trainieren, macht sich Gedanken, sucht sich Freunde, bzw. erlaubt neue Beziehungen in seinem Leben. (Und verklärt, nebenbei, auch die alten anonymen Beziehungen zu den Nachbarn zu Freundschaften, so als ob er sich ihnen gegenüber je geöffnet hätte. Wenn diese Art Beziehung „Freundschaft“ sein soll, heirate ich den nächstbesten Busfahrer!)

Nina George, auch das habe ich bei YouTube erfahren, bezeichnet ihr Buch als „Mutmachbuch“. Ganz ehrlich: ich finde das großen Mist! Es suggeriert – verzeiht das Klischee – der leidenden Hausfrau: alles wird gut, Männer machen das schon mit sich aus, wer wird denn da nach Therapie rufen?!? Ich selbst sitze hier nur mit dem bisschen Küchentisch-Psychologie (oder eben: Wohnzimmer-Analyse), aber ich finde: George schreibt im „Lavendelzimmer“ Mythen über Männer und Frauen fort, die längst überholt sind. Die davon ausgehen, dass der Mann nicht zu reden braucht, und alles alleine wuppt, und die Frau, die brauch nur Mut haben. Bullshit. Ich glaube, ich passe meine Goodreads-Bewertung für’s Lavendelzimmer doch nochmal an :/

 

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