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StudiVZ hat es für alle verständlich ausgedrückt, so klar und deutlich, dass es auch der letzte Pleppo verstehen konnte. Da hieß eine dieser aberwitzig-lustigen Gruppen nämlich: „‘Eigentlicht alles‘ ist kein Musikgeschmack.“ Und weil ich nicht wie der letzte Pleppo dastehen wollte, habe ich, was mir eigentlich schon vor StudiVZ irgendwie klar war, fortan mit Kuli auf die Handflächen geschmiert, auf dass ich es immer griffbereit vor Augen hatte: Wenn dich jemand fragt, watte so hörst, sag bloß nicht: „Eigentlich alles.“

Dabei wäre „ein bisschen HipHop, ein wenig Punk“ ja noch die akzeptierte Antwort gewesen. Die Wahrheit, jetzt kommt’s, wäre viel verwerflicher gewesen. Anstatt mir in solchen Momenten immer wieder irgendwelche Bands und Genres aus den Fingern zu saugen, hätte ich nämlich am liebsten immer gekontert: „Eigentlich … nix.“ Und das „eigentlich“ wäre ein Euphemismus gewesen, eine abschwächende Beschönigung sondergleichen. Weil, ganz ehrlich: Eure Musik ist scheiße! Nein, nicht nur die, die ihr selber so macht. Ich mag auch die Musik nicht, die ihr hört. Auf Konzerten, bei nem Weinchen, bei der Fete de la Musique, oder flennend beim zweiten Joint, zu Hause auf der Fensterbank: Eure Musik ist kacke.

Ich sage: „Eure“ Musik, aber ich will gar nicht mit eigener Musik dagegen halten. Die Wahrheit, Part 2, ist nämlich: ich finde meine, Eure, alle Musik kacke. Ja, es geht sogar so weit, dass dieses Outing hier ganz offen herausstellen muss, dass ich eine Gitarre nicht von einem Klavier unterscheiden kann. Mir mangelt’s also nicht bloß am Bourdieu’schen Habitus einer Sozialisation in Brahms, Goethe, Mozart und Chopin. Nein. Mir gehen so ziemlich sämtliche Töne am Arsch vorbei, egal ob das nun Adele oder System of a Down betrifft. Musik ist anstrengend; ich höre einen Song 27 Mal, nur um in der zigsten Wiederholung festzustellen, dass ich schon vor dem Einsetzen des Refrains nicht mehr aufgepasst habe, wer da gerade trällert.

Von den geschätzt 1000 Büchern, die hier so im Regal stehen, habe ich … ein paar gelesen. Aber auch bei den nicht gelesenen traue ich mir zu, sie aus dem Stehgreif rezensieren zu können. Einfach herkommen, klingeln, sich vor Kallax 1 und 2 stellen, wahllos ein Buch aus den Reihen ziehen, und schwupps, sag ich Euch Autor, Genre, Ranking-Platz, Tonalität, sämtliche Diskurse um das Buch herum. Aber bei Musik? Frag ich mich immer noch, worin eigentlich der Unterschied zwischen Him und Rio Reiser besteht. Warum alle auf Linkin Park abgingen, aber Boyzone nichts abgewinnen konnten. Ihr mögt das witzig finden, meinen Crossover-Boyband-Vergleich (Crossover habe ich gegoogelt). Aber ernsthaft, stellt Euch mal Dating vor, wenn man keinen Schimmer von all things Mucke hat. Die ätzenden Hausaufgaben nach einem eigentlich ganz schönen Abend: mal eben schnell dieses oder jenes Album anhören. Um auch ja mitreden zu können. Urgh! Zu bedenken ist dabei ja auch, dass es, als ich Teenager war, noch keine Streaming-Dienste gab, noch nicht mal YouTube. Da musste man sich noch CDs kaufen. Oder stundenlang Rob Green bei Energy hören, um auf Kassette Sachen mitschneiden zu können. So in etwa war das.

Nur dass sich eben die coolen Kids nicht, so wie ich, mit Energy 103,4 zufrieden gegeben haben. Nee. Das war denen zu Mainstream, oder wie das damals hieß.

Leute kennenlernen war also eine Qual, Dating nochmal gleich mehr, und ich kann nicht sagen, dass sich bis heute viel daran geändert hätte. Lieber erzähle ich frei von der Leber weg, was für eine schreckliche Kindheit das doch war, damals, als ich noch jung war. Aber Gespräche über Musik – kann die nicht irgendwer verbieten, bitte?

Es gibt ein paar Ausnahmen, Songs, die hymnisch und melodisch genug sind, groß genug, dass ich sie mag. Und immer wieder höre, volle Kanne und ganz laut. Ganz on top ist (und bleibt): „The White Beyond“ des großartigen Alex Reed von (ehemals) ThouShaltNot, heute Seeming. Der Song soll in 80-90 Jahren bitte bei meiner Beerdigung laufen. „Will these moments die with me or are they not so independent“? Wenn das keine Hymne auf das eigene Ab-Leben ist, dann weiß ich auch nicht.

Achso, ja. Das mit dem Hymnischen. Das muss ein Song unbedingt haben: etwas Großes. Packendes. Feierliches. Der Refrain von „Downtown“ von Macklemore ist so ein Song. „You don’t want no beef, boy.“ „Have you ever felt the warm embrace …?“ Thanks, T., for pointing Macklemore out to me –  and taking me to the concert.

Ich bin auch immer noch ein großer “Call the Ships to Port”-Fan. Aus Gründen, die sich mir nicht erschließen, mag ich auch Suicide Commando’s „Bind, torture and Kill“ sehr gern. Die Crüxshadows, und Aesthetic Perfection. Aber das sind alles so EBM-Bands, Gothic-Kram mit zu großer Nähe zu einem Publikum, das scheiße ist. Irgendwann bin ich mal auf Annie Kranes „Pennsylvania“ gestoßen, und ich kann gar nicht in Worte fassen, wie peinlich mir dieses Gott-tümelnde Gesinge vor mir selber ist. Aber irgendwie läuft dieses kleine Video doch immer wieder in meiner Playlist.

Und irgendwie waren die mehr oder weniger gründlich erledigten Hausaufgaben dann doch keine verlorene Liebesmüh, weil da manchmal doch ein paar gute Songs, manchmal ganze Alben oder auch mal eine Band hängen geblieben ist. Le Tigre, große Klasse, und definitiv nicht peinlich. „The Hand that Feeds“ von NIN verbinde ich mit einem wunderbaren Abend und einer wunderbaren Freundschaft (nicht textlich, das will ich betonen), Goldfrapp in der Dauerschleife war nice und lehrreich, Tracy Chapman nett, Gerhard Schöne, als ich 16 war, hat in mir die Schwärmerei nach einer Kindheit wachgerufen, die ich nie hatte, bei Subway to Sally habe ich es bis in die DVD geschafft. Aus Gründen höre ich diesen einen Song, den Bruce Willis mal vertont hat, immer wieder on the same day, und manchmal WittHeppnerundwasvondenOnkelz, aber ganz bestimmt „Living on my own“ und „All Around the World I Can’t Find my Love“ von Silvia Coleman. Nicht, weil das die Creme de le Creme des guten Geschmacks ist, sondern eben … weil. Verzeiht das Wortspiel, aber ich bin ja auch immer ganz atemlos, wenn ich grottigschlechte Musik mit Leuten höre, die ich mag. Da geht dann vieles durch, und da isses mir temporär egal, ob das peinlich ist oder nicht. (Sorry, J., bis zu Wolle Petry reicht meine Unmusikalität dann doch nicht ;))

 

[To be continued mit einer kleinen Auswahl an Musik, die ich erträglich finde. Ohne Anspruch auf guten Geschmack.]

 

 

 

Ein Kommentar zu “Eure Musik ist scheiße.

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