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Heute auf den Tag genau vor 10 Jahren bin ich zwei Mal binnen weniger Stunden ins Hospiz gefahren, ins Regine-Hildebrandt-Hospiz in Frankfurt an der Oder, to be precise. Das eine Mal nachmittags, da lebte meine Mutter noch. Beim zweiten Mal hatten uns die schichthabenden Mitarbeiter angerufen, mein Bruder war ans Telefon gegangen, seine Festnetznummer war die, die wir hinterlegt hatten. Als er aufgelegt hatte, sagte er: „Sie hat’s geschafft“, womit er nicht meinte, der Krebs sei plötzlich überstanden, sondern … das Gegenteil. Was meine Mutter geschafft hatte, war, dass sie fortan nicht mehr schwarz kotzen musste, den Schleim oder was da noch in ihr war nicht mehr die Atemwege hochkrächzen, sondern dass all das jetzt ein Ende hatte. Das war’s, was sie geschafft hatte: sie war fertig mit sterben, Gott sei Dank.

Ich hab in den letzten Jahren an ihrem Geburtstag, aber viel mehr noch an ihrem Todestag, ihre Lieblingslieder rauf und runter gehört; Facebook hat mich heute daran erinnert, dass ich anfangs, da war sie „erst“ 3 Jahre tot, auch mal den „Song for the Dying“ von Thou Shalt Not in der Playlist hatte – wohl eher auf mich als Tochter fokussiert als auf sie als Person, zu sehr war ich wohl mit mir beschäftigt, mit dem, was ich irgendwie als Trauer begreife, als mein Hadern mit der Frage, wer sie eigentlich für mich war, meine Mutter. Bis heute kann ich nur schwer beantworten, ob ich sie als Kämpferin oder elende Schluchzerin zeichnen würde; mal überwiegt das eine, meist jedoch das andere Extrem.

Während die Playlist also auch heute wieder Save the last Dance, vornehmlich in der Version von Bruce Willis, ihrer Version, spielt, und während ich die Frage nach dem Wesen meiner Mutter wohl nie abschließend werde beantworten können, wage ich ein wenig Utopie, nähere mich ein wenig einem Phantasma an: statt mich flennend unter die Decke zu verkriechen, statt den Song for the Dying rauszukramen, schaue ich nachher ein paar Folgen Mutter-Tochter-Märchen: Gilmore Girls. Ich habe wohl mehr als einmal, und hier im Blogbeitrag sehr deutlich gemacht, wie sehr meine eigene Realität von den Geschichten der Gilmore Girls abweicht; dass ich mich mit deren Luxus-Problemen wahrlich so gar nicht identifizieren kann. Heute, ten years after, gestatte ich mir dann und wann diese Traumwelt, und zwar ohne unentwegt über Lorelai und Rory zu schimpfen, weil die beiden ach so weltfremd seien.

Wodurch diese reconciliation möglich ist? Ich bin mir nicht sicher. Als Antwort, als Arbeitshypothese vielmehr, geht mir durch den Kopf, dass ich, auf dem Weg zum Geburtsvorbereitungskurs für das Funderkind immer am Regine-Hildebrandt-Platz vorbei musste. Klar, Plätze sind Namen, sind Schall und Rauch. Dass ich auf dem Weg zu neuem Leben diese Mahnung an Vergänglichkeit und Mortalität so präsent vor Augen hatte, hat durchaus der ein oder anderen anxiety-Minute die Tür geöffnet. Und gleichzeitig … und das klingt bescheuert, klingt ähnlich cheesy und melancholisch wie das Script zum „Nachricht von Sam“-Musical, gleichzeitig war’s wie ein Gruß. Stümperhaft zwar, und nicht in den eigentlich gewünschten Tönen, weil so sehr mit Tod konnotiert, aber dennoch klang es wie eine Botschaft, die da lautete: Ich bin da. Dort wo wir uns trennten, steig ich wieder ein, und bin bei dir, wenn du jetzt weiter gehst. Blabla. Ich kann das grad nicht gut in Worte fassen, vielleicht muss ich das auch nicht, vielleicht ist das alles zu sehr inner perspective, als dass ich mich überhaupt um die Anknüpfungsfähigkeit nach Außen sorgen sollte. What I mean: Being a mom myself might have slightly altered my perspective towards my own mother. Das erklärt Vieles, und doch irgendwie nichts, ich weiß, aber diese Antworten bleibe ich wohl weiter schuldig, allen voran mir selbst.

Was ich weiß, ist so viel: Meine Mutter mag heute, auf den Tag genau vor 10 Jahren, mit dem Sterben fertig geworden sein. Ob ich jemals mit ihrem Sterben fertig werde, weiß ich nicht. Ich kann nur weiterhin hoffen, jeden Tag, jede Minute, immer, dass mit Sterben jetzt mal Schluss ist, und dass vor allem, vor allen, das neue Leben bleibt, denn andernfalls, so viel ist klar, wenn auch in Langsätzen verschwurbelt, wäre das die Letztinstanz von Sterben, mit der ich niemals fertig werden würde. Und ich ahne in Ansätzen, dass dieses genau das ist, das ich mit meiner Mutter teile, weil alle Mütter es teilen: unendliche Angst und unendliche Hoffnung.

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