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Antje Wagner lebt von Negativen. Ihre Geschichten, zumindest diejenigen, die ich bisher von ihr gelesen habe („Unland“ und „Schattengesicht“) stützen sich auf das Unerwartete, die Überraschung. Ihre Plots lösen sich in der Umkehr auf; nach einem Leserausch, der bei ihren Büchern ein einziger, zwischenhaltloser Flug durch Buchstaben und Bilder ist, landet man meist am just entgegengesetzten Zielpunkt dessen, wohin man erwartet hätte, dass man getragen wird. So ist es auch bei ihrem neuen Buch, „Vakuum“, das just bei Bloomsbury erschienen ist.

„Vakuum“ ist, wie viele ihrer bisherigen Romane auch, um junge Hauptfiguren herum konzentriert; wir begegnen im Roman fünf jungendlichen Helden, die denkbar unterschiedlich sind, und doch eines gemeinsam haben: Sie sind bei weitem nicht so heldenhaft, wie man zunächst annehmen möchte. Da ist die scheinbar toughe Kora, die behütete Alissa und ihr jüngerer Bruder Leon – doch sie, sowie die anderen Figuren im Buch, haben ein Paket zu tragen, das schwerer lastet als das ihrer Alltagsgenossen. Und – das kann man wohl sagen – am Ende viel spannender, viel abenteuerreicher und sehr viel stärker mit Erkenntnissen angereichert ist als das Leben ihrer Mitschüler.

Trigger für die Erkenntnisse, die die Figuren im Buch sammeln, ist die Gegenwelterfahrung, in die sie plötzlich gestoßen werden: Von einer Minute auf die andere sind alle anderen Menschen von der Erde verschwunden, Kora, Alissa, Leon, Hannes und Tamara sind plötzlich allein, außer ihnen gibt es niemanden mehr, die Zeit scheint stille zu stehen, und die Sonne drückt mit erbarmungsloser Hitze auf die Erde nieder, während ein grausamer Nebel droht, alles noch vorhandene Leben zu vertilgen.
Das Buch kommt dabei quasi ohne Erwachsene aus; die Eltern erscheinen höchstens in den erzählten Erinnerungen, sind abwesend, gewaltvoll oder existieren lediglich in den Wunschträumen der Kinder. Das Alleinsein, dem die Fünf im Buch scheinbar plötzlich ausgesetzt sind, geht also eine lange Geschichte an Einsamkeit voraus – eine Einsamkeit, die sich sehr wohl auch in der Gruppe, manchmal auch beim gemeinsamen Abendessen mit den vermeintlichen Eltern ereignen kann.

„Vakuum“ ist ein Buch in der Grenzwelt zwischen Jugendbuch und Thriller, keines, das lediglich Plattitüden wiederholt, oder nur unter Zuhilfenahme glitzernder Vampirkörper erzählt werden kann. Stattdessen zeichnet Wagner genuine Charaktere. Ähnlich wie in „Unland“ und in „Schattengesicht“ erfahren wir vieles in Andeutungen. Die Queerness eines Elternpaares (zwei Mütter, die in wilder Ehe zusammenleben) wird angenehm beiläufig erwähnt, wird dadurch fast zur Selbstverständlichkeit, ohne dass die Schwierigkeiten, die das Mütterpaar durchleben muss, allzu tief unter den Tisch fallen. Koras Geschichte ist eindrucksvoll auch ohne dass Wagner jedes Detail erzählt. Und Tamara leidet an einer Krankheit, die namenlos bleibt, dafür aber auch ohne unser allzu drückendes Mitgefühl auskommt.

Mitreißend ist „Vakuum“ aber allemal. Nachdem ich die ersten 50 Seiten nur in Schnappatmung lesen konnte, immer wieder unterbrochen von Klinglern und Klopfern, verschwanden die restlichen 300 Seiten wie im Flug. Mehrfach stockte mir der Atem, Toilettengänge wurden ausgesetzt, bis mein Freund nach Hause kam, um mir Rückendeckung zu geben. Wagner beherrscht die Kunst, den Leser tatsächlich zu bannen; da ist kein Umblättern, das angestrengt fragt: „Wie viel denn noch?“ Vielmehr wünscht man sich eine Fortsetzung, ein Weitergehen, kein Ende. Und mit „Vakuum“ bekommen wir auch beinah die Fortsetzung von „Unland“: Wieder sammelt Wagner tolle Helden, die ans Herz wachsen, wieder spielt sie mit Schein und Sein, mit Negativfolien der realen Welt. Am Ende, das – so viel darf vorweg genommen werden – deutlicher ein Happy End ist als bei ihren Vorgängern – präsentiert uns „Vakuum“ eine Welt, die etwa „Sophies Welt“ entsprechen mag, so schön, so geistreich und so unerwartet ist der Ausgang der Geschichte. Am Ende verschlingt der Nebel keines der Kinder so ganz, wir dafür das Buch mit jeder Faser.

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[Die Besprechung basiert auf einem Rezensionsexemplar von BlogDeinBuch.de, bestellbar ist „Vakuum“ beim Berlin Verlag.]

 

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Ein Kommentar zu “Antje Wagner: „Vakuum“

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